
Zukunfts-Update 01/26: Aktiv lernen, Erfahrung teilen
Täglich gibt es neue Nachrichten zu KI und anderen Zukunftstechnologien. Du willst wissen, welche davon echte Gamechanger sind? Du möchtest verstehen, wie KI unsere Welt verändert? Und von erfolgreichen Beispielen profitieren, als Inspiration für dein Business? Genau darum geht es in unserer neuen Reihe Amex Expertise! KI-Experte und Zukunftsforscher Oliver Leisse verschafft dir alle zwei Monate den Überblick über die wichtigsten Entwicklungen und die spannendsten Trends. Dranbleiben lohnt sich!
Alles Wichtige auf einen Blick
Welche KI-Trends und Zukunftstechnologien jetzt wirklich entscheidend werden, zeigt sich besonders an der rasant wachsenden Energiefrage rund um Rechenzentren – von effizienter Abwärmenutzung bis zu neuen Infrastruktur-Ideen wie Unterwasser-Rechenzentren oder fliegender Windkraft.
Gleichzeitig werden konkrete Anwendungen sichtbarer: soziale Robotik (z. B. der Avatar OriHime als Begleiter) und erste Erfolge der KI-gestützten Videoanalyse in Frankfurt.
Für den Alltag steht im Fokus, wie KI-Bots als Lernpartner funktionieren – mit interaktiven Prompts, Quiz-Formaten und strukturiertem Üben über Tools wie NotebookLM. Leitmotiv: aktiv lernen, Erfahrung teilen – und KI so einsetzen, dass sie messbar hilft.
Mit dem rasanten Fortschritt digitaler Technologien wächst weltweit der Energiebedarf – vor allem durch rechenintensive KI-Anwendungen. Rechenzentren zählen schon heute zu den größten Stromverbrauchern, und ihr Bedarf steigt weiter. Entsprechend intensiv suchen Unternehmen und Forschung nach Wegen, Leistungsfähigkeit und Nachhaltigkeit besser in Einklang zu bringen.
Ein Ansatz liegt in der effizienteren Nutzung vorhandener Energie. Immer mehr Rechenzentren speisen ihre Abwärme in Fernwärmenetze ein und versorgen so Wohnquartiere oder Bürogebäude. Was früher ungenutzt verpuffte, wird damit zu einer zusätzlichen Energiequelle – und verbessert die Gesamtbilanz digitaler Infrastruktur.

Gleichzeitig entstehen neue Konzepte für die Energieerzeugung selbst. Ein Beispiel ist das fliegende Windkraftwerk, das Forscher:innen der Universität von Tsinghua (China) kürzlich vorgestellt haben.
Es nutzt die stärkeren und gleichmäßigeren Luftströme in Höhen ab etwa 500 Metern und erzeugt mit 12 integrierten Rotoren bis zu 1,2 Megawatt Strom, der über ein Haltekabel zum Boden geleitet wird. Solche Ansätze könnten Windenergie dort ergänzen, wo klassische Anlagen an räumliche oder technische Grenzen stoßen.
Neben der Energieversorgung rücken auch Platz- und Kühlungsbedarf immer stärker in den Fokus. Ebenfalls in China, vor der Küste von Shanghai, wurde Ende 2025 ein Unterwasser-Rechenzentrum fertiggestellt. Die Server wurden in wasserdichten Kapseln auf dem Meeresboden installiert und werden direkt durch das Meerwasser gekühlt, was den Energieaufwand deutlich senkt.
Auch Ideen für Rechenleistung im Weltall kursieren – sie setzen auf konstante Temperaturen und nahezu unbegrenzte Solarenergie. Noch sind das Zukunftsbilder, doch sie zeigen, wie grundlegend Infrastruktur im KI-Zeitalter neu gedacht wird.
Das traditionsreiche Stadtviertel Nihonbashi im Zentrum Tokios zieht jedes Jahr zahlreiche Tourist:innen an. Einige von ihnen werden neuerdings von einer kleinen, sympathischen Roboterfigur, einem Avatar namens OriHime begleitet, die auf der Schulter sitzt und spannende Hintergründe zu Bauwerken und ihrer Geschichte vermittelt.
Hinter dieser besonderen Form der Stadtführung steckt keine künstliche Intelligenz, sondern ein Mensch: eine ortskundige Person, die aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst vor Ort sein kann.
Dank der in OriHime integrierten Kameras sieht diese bei sich zu Hause die Umgebung aus der Perspektive der Tourist:innen. So kann die heimische Person die Besucher:innen virtuell begleiten und ihr Wissen per Sprechverbindung weitergeben.

Dass Technik als Mittel gegen soziale Isolation eingesetzt wird, ist typisch für das japanische Gesellschaftsverständnis. Schon Sonys Roboterhund Aibo, erstmals 1999 vorgestellt, war als sozialer Begleiter konzipiert. OriHime knüpft an diese Tradition an und zeigt, wie Technologie menschliche Nähe auf innovative Weise ermöglichen kann.
Der kleine Avatar auf der Schulter ist also mehr als eine technische Spielerei. Was in Tokio Tourist:innen begeistert, verweist auf ein wachsendes Marktpotenzial. Schließlich steigt mit einer alternden Bevölkerung auch in Deutschland der Bedarf an Technologien, die soziale Kontakte erleichtern und aktive Teilhabe fördern, auch wenn man selbst das Haus nicht so einfach verlassen kann.
Für Unternehmen entsteht hier ein spannendes Feld: digitale Begleiter, die den Alltag bereichern und Begegnungen über Generationen hinweg möglich machen.

Im Zukunfts-Update 2/2025 berichteten wir über den Einsatz KI-gestützter Bilderkennung im Frankfurter Bahnhofsviertel. Dort unterstützt das System die Polizei dabei, die rund 50 Kameras im Umfeld des Hauptbahnhofs kontinuierlich auszuwerten – unter anderem mit dem Ziel, vermisste Personen schneller zu finden und potenziell gefährliche Situationen frühzeitig zu erkennen.
Inzwischen gibt es den ersten erfolgreichen Einsatz des Systems zu vermelden. Dank der KI-gestützten Videoanalyse konnte vor Ort ein vermisstes Mädchen wiedergefunden werden, das dringend ärztliche Hilfe benötigte. Das System hatte – nach richterlicher Anordnung und unter Nutzung eines Fahndungsbildes – die Person in den Kamerabildern identifiziert. Wenig später konnten Einsatzkräfte sie dann in Obhut nehmen.
Der Fall markiert den ersten bundesweiten Erfolg dieser Art. Beispielhaft ist dabei auch, dass der Einsatz klar umrissenen rechtlichen Vorgaben unterliegt und jede Nutzung der KI-Analyse ausdrücklich richterlich genehmigt werden muss.
Ob lange vergrabenes Schulwissen oder ein ganz neues Themengebiet – wenn wir eine schnelle Antwort brauchen, fragen wir immer öfter den KI-Bot. Doch künstliche Intelligenz kann viel mehr, als nur reine Wissensabfragen zu beantworten.
Richtig eingesetzt wird ein KI-Bot zum aktiven Lernpartner: Er hilft dabei, Inhalte zu strukturieren, neue Blickwinkel einzunehmen und das Gelernte praktisch anzuwenden. Entscheidend ist dabei, den Bot nicht nur als Auskunftssystem zu nutzen, sondern ihn systematisch in den eigenen Lernprozess einzubinden.
Fünf Tipps, wie KI-Bots beim Lernen unterstützen können:
- Perspektive wechseln: Fordere den Chatbot auf, dir Fragen zu stellen oder dich in einem kurzen Quiz zu prüfen – so werden Wissenslücken schnell sichtbar.
- Komplexes vereinfachen: Bitte die KI, schwierige Inhalte in einfachen Worten, mit Analogien oder anhand konkreter Beispiele zu erklären.
- Zusammenfassen und verdichten: Nutze den Bot, um längere Texte oder Notizen auf die wichtigsten Kernaussagen zu reduzieren.
- Wissen anwenden: Simuliere Praxisfälle oder typische Prüfungssituationen und prüfe, ob sich das Gelernte sicher übertragen lässt.
- Strukturiert wiederholen: Lass dir Lernpläne, Wiederholungsfragen oder kurze Merkhilfen erstellen, um Inhalte nachhaltig zu festigen.
Diese Methoden lassen sich auch kombinieren. Hier ein Beispiel-Prompt:
„Ich lerne gerade das Thema [Thema einsetzen]. Erkläre mir die zentralen Konzepte zunächst in einfachen Worten und anhand eines anschaulichen Beispiels. Stelle mir anschließend fünf Verständnisfragen unterschiedlicher Schwierigkeit, mit denen du überprüfst, ob ich die Inhalte wirklich verstanden habe. Gib mir zum Abschluss ein kurzes Praxis- oder Anwendungsszenario und bitte mich, das Gelernte darauf anzuwenden. Gib mir nach jeder Antwort eine kurze Rückmeldung, was korrekt ist und wo ich noch nachschärfen sollte.“
Solche Prompts machen den Lernprozess interaktiv und helfen dabei, Wissen nicht nur aufzunehmen, sondern aktiv zu verarbeiten.

Neben den verbreiteten Chatbots stehen zum Lernen darüber hinaus auch spezialisierte Tools zur Verfügung, die den Einsatz von KI noch stärker strukturieren. Bei Anwendungen wie NotebookLM liegt der Fokus beispielsweise auf der Arbeit mit eigenen Dokumenten. So kannst du deine Inhalte – etwa Fachliteratur, Gesetzestexte, Studien oder eigene Notizen – bündeln und KI-gestützt auswerten.
Der Vorteil: Das System arbeitet ausschließlich mit den bereitgestellten Quellen und bleibt damit thematisch fokussiert. Auf diese Weise wird auch die Gefahr des „Halluzinierens“ deutlich verringert. Integrierte Features helfen zudem beim aktiven Lernen. Beispielsweise lassen sich aus den eingebundenen Dokumenten automatisch Flashcards und Quizfragen erstellen, mit denen du Inhalte wiederholen und systematisch einüben kannst.

Zur Person
Oliver Leisse, KI-Experte und Zukunftsforscher, Autor („So geht Zukunft“) und gefragter Speaker. 2008 gründete er SEE MORE, ein Institut für Zukunft und innovative Strategien mit Mitarbeiter:innen in 50 Metropolen. Oliver lebt in Hamburg. Unter dem Titel „Baby und Boomer“ betreibt er zusammen mit seiner Tochter Lea einen Podcast, in dem gesellschaftliche und zukunftsrelevante Themen aus den oft unterschiedlichen Perspektiven zweier Generationen, „Boomer“ und „Gen Z“, verhandelt werden.