„Ein Maßschuh ist echtes Understatement“: Zu Besuch bei Klemann Shoes

Schuhmacher der Maßschuhmacherei Klemann Shoes bei der Arbeit
Kristina Festring-Hashem Zadeh
Kristina Festring-Hashem Zadeh
Im Erdgeschoss eines Gründerzeithauses in der Hamburger Neustadt liegt eine der letzten Maßschuhmachereien Deutschlands. Wer an diesem Vormittag durchs Schaufenster späht, sieht hinter einer Werkzeugbank einen blonden Mann mit Nickelbrille, Dreitagebart und Schuh zwischen den Knien – oder vielmehr mit dem, was mal ein Schuh wird. Energisch schmirgelt er an der Sohle. Deckenhohe Regale ragen an den Wänden empor, gefüllt mit Leisten, Leisten und nochmals Leisten: Willkommen im Familienbetrieb Klemann Shoes.
  1. Beim Hoflieferanten der Queen gelernt
  2. Das erste Paar sind meist schwarze Oxfords
  3. Zeitloses Design und exklusive Lederarten sind wichtig
  4. Gut Schuh will Weile haben – und hält ein Leben lang

Beim Hoflieferanten der Queen gelernt

Der Mann mit Nickelbrille öffnet der Besucherin die Tür. „Moin, Vincent Klemann“, stellt er sich vor und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Moment, ich hol’ mal schnell den Boss!“ Wenig später erscheint sein Vater, Benjamin Klemann: graugelocktes Haar, breites Lächeln und, natürlich, in schwarzer Schuhmacherschürze mit dem Unternehmenslogo von Klemann Shoes, das seine Initialen trägt. 1986 gründete der gebürtige Föhrer den Familienbetrieb.

Zuvor wurde er von den Besten seiner Zunft ausgebildet: zunächst in Schleswig-Holstein bei dem ungarischen Meister Julius Harai. Der Starschuhmacher der damaligen Bundesrepublik stattete Berühmtheiten wie Komiker Heinz Erhardt, Boxer Max Schmeling und Politiker Walter Scheel aus. Später arbeitete Klemann bei John Lobb in London, dem Hoflieferanten der Queen. So lernte er die englische und die ungarische Stilrichtung der Schusterkunst kennen.

Schuhmachermeister Benjamin Klemann vor einem Schuhregal

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Zurück in Deutschland, nutzt Benjamin Klemann seither sein breites Wissen, um für seine Kundschaft neue Modelle zu kreieren, indem er die Stile miteinander fusioniert. Klemann geht zu einem Regal mit einer Auswahl unterschiedlicher Schuhe und greift ein braunes Exemplar heraus: „Hier kommen zum Beispiel beide Richtungen zusammen: Wir haben den schmalen englischen Leisten und dazu diese kräftige ungarische Verarbeitung mit sichtbarer Naht.“ Das Ergebnis: ein Schuh, der am Fuß nicht klobig wirkt, aber zugleich eine gewisse Bodenständigkeit vermittelt.

Schaufenster der Hamburger Maßschuhmacherei Klemann Shoes, in dem sich Gründerzeithäuser spiegeln

Am Anfang steht die gründliche Anamnese

Bei Klemann ist jeder Schuh ein Unikum – wie genau er beschaffen sein soll, finden Kund:innen und Meister gemeinsam heraus. Für welchen Anlass ist der Schuh gedacht? Wird sein:e Träger:in mit ihm viel zu Fuß unterwegs sein? „In solchen Fällen ist eine belastbare Sohle wichtig.“ Zudem spielt das Alter der Kund:innen eine Rolle. „Für ältere Menschen bauen wir eher stabile Schuhe.“

Das erste Gespräch gleicht einer Anamnese. Bei vielen Kund:innen drückt schon länger der Schuh, im wörtlichen Sinn: aufgrund von Deformationen oder Fußproblemen anderer Art. In diesen Fällen verschaffen Klemanns individuell angepasste Schuhe oft ungeahnte Erleichterung. „Sehe ich bei der Anprobe ein Leuchten in den Augen der Kunden, dann weiß ich: Der Schuh passt.“

Ein Regal mit Schuhen bei Klemann Shoes

Bis es so weit ist, werden Abdrücke der Füße genommen, es wird sorgfältig vermessen und ein Leistenpaar angefertigt. Mehr als 1.500 Leistenpaare hat Klemann im Laufe der Zeit erstellt. „Aus Buchenholz, das ist besonders langlebig und verformt sich nicht bei der Arbeit oder wenn die Luftfeuchtigkeit mal hoch ist“, erklärt er.

Einige von Klemanns Kund:innen kommen seit mehr als 30 Jahren. Zudem tragen viele Prominente handgefertigte Klemann-Schuhe, darunter Jazzkünstler Till Brönner und Musiker Jan Delay. „Ein Maßschuh, das ist eben echtes Understatement, da steht ja keine Marke drauf oder so“, sagt Klemann. Aber er verleihe seinen Träger:innen ein persönliches Luxusgefühl. Gutes Handwerk hat seinen Preis: Sneaker sind ab etwa 1.600 Euro zu haben, Businessschuhe ab etwa 2.900 Euro plus den einmaligen Aufwand für die Leistenanfertigung.

Schuhmacher in Hamburg näht Maßschuhe

Schusterstile: Ungarisch-österreichische vs. englische Machart

„Bis heute ist der Glaube weit verbreitet, jeder Schuh mit Perforation sei ein Budapester – ein Irrtum“, sagt Benjamin Klemann. Denn auch Oxford- oder Cambridge-Modelle können die bekannten Lochmuster aufweisen. Die wahren stilistischen Unterschiede zwischen ungarisch-österreichischem und englischem Stil:
Ungarisch-österreichische Machart:
      • Eher solide, sportlich-robust
      • Zwiegenäht, die Rahmennaht ist von außen sichtbar
      • Auf kräftigen, hochwandigen Leisten gefertigt
      • Sogenannte Derby-Schnürung, die sich parallel öffnen lässt
      • Stehen kräftigen, großen Männern besonders gut
      • Eher für die Freizeit, zum Tweed
Englische Machart:
      • Elegant und leicht
      • Rahmennaht von außen nicht sichtbar
      • Auf schlanken, flach auslaufenden Leisten gefertigt
      • Sogenannte Oxford-Schnürung, die sich v-förmig öffnen lässt
      • Eignen sich besonders für eher schlanke Typen
      • Eher für offizielle Anlässe, zum Anzug

Das erste Paar sind meist schwarze Oxfords

Welches Schuhmodell besonders gefragt ist? „Das erste Paar sind häufig Businessschuhe, sehr beliebt sind klassisch-elegante schwarze Oxfords“, sagt Benjamin Klemann. Doch in Zeiten, in denen vormalige Modekonventionen und Kleidungscodes immer stärker aufweichen, dürfen es für manch hochrangigen Manager durchaus gern mal handgefertigte Sneaker zum Anzug sein.

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Die Brogues genannten Lochverzierungen waren ursprünglich von praktischem Nutzen: Schottische und irische Hirten bohrten sich Löcher in ihre Schuhe, um so besser sumpfigen Boden durchqueren zu können. Drang Wasser in die Schuhe ein, konnte es durch die Löcher schneller abfließen. Außerdem trockneten die Schuhe schneller.

Die große Bandbreite dessen, was bei Klemann möglich ist, zeigen allein die vielen unterschiedlichen Lederarten, die in großen Lappen im Nebenraum hängen. Dort schneidet Klemanns Ehefrau mit der Gesellin die Oberteile der Schuhe, die Schäfte zu. Wie Mann und beide Söhne ist auch Magrit Klemann anerkannte Schuhmachermeisterin mit Auszeichnung. „Vorher war ich mal Erzieherin, aber mein Mann brauchte Unterstützung im Unternehmen“, sagt sie mit einem Lächeln.

Frau schneidet bei Klemann Shoes in Hamburg Schäfte zu

Neben klassischem Kalbs- oder Rindsleder finden sich in der Manufaktur exotische Varianten wie Alligatoren-, Python- oder Haifischleder, selbstredend mit CITES-Zertifikat. „Das brauchen Sie, damit Sie keine Probleme bekommen, wenn Sie zum Beispiel mit Ihren Krokodillederschuhen in die USA einreisen“, erläutert Benjamin Klemann.

Was ist CITES?

Die Abkürzung CITES steht für Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora. Das so benannte Washingtoner Artenschutzabkommen wurde 1973 eingeführt und reguliert den internationalen Handel mit wilden Tier- und Pflanzenarten, um diese zu schützen.
Frau schneidet bei Klemann Shoes in Hamburg Schäfte zu

Zeitloses Design und exklusive Lederarten sind wichtig

Benjamin Klemann zeigt ein Paar graue Halbschuhe mit unregelmäßiger Musterung. „Na, was glauben Sie, woraus sind die?“ Keine Ahnung. Schlange? Klemann schmunzelt. „Elefantenhaut. Es gab da mal eine Überpopulation im Krügerpark in Südafrika, daher stammt es.“ Und von welchem Tier ist das Leder mit den vielen kleinen Noppen drauf? „Das ist vom Strauß. Dort, wo die Punkte sind, saßen die Federkiele“, erklärt er.

Sehr exklusiv ist Klemanns russisches Juchtenleder: Es stammt von einem 1786 vor Plymouth gesunkenen Schiff. Als eine von weltweit lediglich drei Maßschuhmachereien werden die Hamburger vom Duke of Cornwall mit diesem historischen Qualitätsleder aus Rinder- oder Rentierhaut beliefert, das in einem speziellen Verfahren gegerbt wurde.

So vielfältig die Lederarten, so vielfältig auch die Schuhe, die die Klemanns und die drei Mitarbeiter:innen herstellen. Neben hochwertigem Material und ausgezeichneter Verarbeitung ist ein gutes Design wichtig. Modische Trends eher nicht. Dafür halten die Schuhe einfach zu lange. „Wobei auch wir natürlich Veränderungen bei der Nachfrage bemerken. Zurzeit gibt es zum Beispiel vermehrtes Interesse an derben Chelseaboots“, wägt Klemann ab.

Schuhe im Regal bei der Hamburger Maßschuhmacherei Klemann Shoes

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Die Zahl der Schuster:innen geht in Deutschland seit Jahren stark zurück. Schätzungen zufolge gehen noch 500 bis 600 Schuhmacher:innen dem Handwerk nach.

Gut Schuh will Weile haben – und hält ein Leben lang

Zurück in der Werkstatt, mischt sich der Duft von Bienenwachs in den Leder- und Holzgeruch der Schuhmacherei. Er führt zur Werkbank von Lennert Klemann, dem älteren Sohn. Er stippt die Spitze seiner Ahle in das Wachs, dann macht er den nächsten Stich am Schuh: Kraftvoll zieht er den Pechdraht genannten, ziemlich starren Faden durch das Loch. „Das Pech erwärmt sich durch die Reibung und wird danach wieder fest“, erklärt er. Anschließend kann an der genähten Stelle keine Feuchtigkeit mehr eindringen.

Mitarbeiter in Hamburger Maßschuhmacherei näht Schuh mit Pechdraht

Eine Tätigkeit, die – wie jeder Arbeitsschritt in der Maßschuhmacherei – viel Sorgfalt und Zeit erfordert. Echtes Handwerk eben. Und aus diesem Grund dauert es im Schnitt etwa sechs bis acht Monate, bis Kund:innen bei Klemann ihre maßgefertigten Schuhe abholen können. Zwischendurch gibt es immer wieder Anproben, und wenn etwas nicht passt, wird nachgebessert. Schließlich möchten die Klemanns am Ende in leuchtende Augen blicken. Und bei guter Pflege halten ihre Schuhe ein Leben lang.

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