Rückansicht mehrerer Personen als Silhouetten, die Leonardo da Vincis Gemälde Salvator Mundi in einem goldenen Rahmen an einer weißen Wand betrachten
Leonardo da Vincis „verlorenes“ Meisterwerk hatte im Auktionshaus Christie's 2017 seinen bisher letzten öffentlichen Auftritt. © Carl Court/Getty Images
Kunst

„Salvator Mundi“: Der Kunstkrimi hinter dem teuersten Gemälde der Welt

Ein Mann, dessen Korkenzieherlocken verschwommene Gesichtszüge umrahmen, schaut sein Gegenüber mit benommenem Blick an. Er trägt ein blaues, fein gefälteltes Gewand. Die rechte Hand hat er zum Segen erhoben, in der linken schimmert eine Glaskugel. „Salvator Mundi“ – Weltenretter – heißt das Ölgemälde, das 2017 im New Yorker Auktionshaus Christie’s den Rekordpreis von 450 Millionen US-Dollar erzielt. Damit ist es das teuerste Gemälde der Welt. Kein geringerer als Universalgenie Leonardo da Vinci soll den Heiland erschaffen haben. Hat er?

Teuerstes Bild der Welt hängt jahrelang in Treppenhaus

Das teuerste Bild der Welt wechselt knapp 60 Jahre zuvor für gerade einmal 45 britische Pfund den Besitzer. Zu dem Zeitpunkt ist von einem Da-Vinci-Original noch keine Rede. Im Gegenteil: Bei der damaligen Versteigerung durch das Auktionshaus Sotheby’s im Juni 1958 wird dem Weltenretter kaum Aufmerksamkeit zuteil, obwohl durchaus hochrangige Experten für Renaissance-Kunst in dem Londoner Saal sitzen.

Ein gläubiger Möbelhändler aus New Orleans ersteigert das nicht besonders gut erhaltene Christusporträt, weil es ihm schlicht gefällt. Jahrelang hängt es offenbar in einem Treppenhaus. Zu dem Zeitpunkt wird „Salvator Mundi“ noch einem Schüler Leonardos zugeschrieben. Erlöserdarstellungen wie diese sind typische Kunst der Renaissance im Alpenraum um 1500.

Eine Frau mit weißen Handschuhen präsentiert Leonardo da Vincis Gemälde Salvator Mundi vor einer weißen Wand
Leonardo da Vincis Christusdarstellung, hier bei der Christie’s Auktionspräsentation, ist nicht nur hochpreisig, sondern auch heiß umstritten. © Carl Court/Getty Images

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Der Weichzeichner der Renaissance hieß Sfumato (deutsch: verraucht oder verschwommen) und wurde von Da Vinci erfunden. Maler:innen wendeten diese Technik bei Ölgemälden an, um Gesichter oder Landschaften geheimnisvoll wirken zu lassen. Die unscharfen Gesichtszüge des „Salvator Mundi“ sind ein Beispiel.

Das Bild bleibt jahrzehntelang in Privatbesitz. 2005 entdeckt es der New Yorker Kunsthändler Robert Simons im Onlinekatalog eines unbekannten Auktionshauses in Louisiana und ersteigert es mit einem Kollegen auf gut Glück am Telefon für knapp 1.200 Dollar. Ein Paketdienst liefert das 65 mal 45 Zentimeter große Gemälde, Öl auf Walnussholz, teils übermalt und mit vielen Unebenheiten. Der Rahmen ist zerbrochen. Doch Details wie die besonders fein gemalten Haare und die Hand ziehen Simon in ihren Bann, er bringt das Bild zu einer befreundeten Restauratorin und Kunstprofessorin am New Yorker Museum of Fine Arts.

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Diese Indizien sprechen für ein Werk da Vincis

Die Kunstexpertin legt „Salvator Mundi“ Schicht um Schicht frei und restauriert den Weltenerlöser, etwa fünf Jahre lang arbeitet sie an dem Gemälde. Zeitgleich laufen Recherchen zur Herkunft des Bildes. Es mehren sich die Hinweise, dass es tatsächlich ein Werk Leonardo da Vincis sein könnte, dem Schöpfer der berühmten „Mona Lisa“. Von ihm sind nur rund 15 Ölgemälde erhalten. Die Entdecker:innen ziehen weitere Leonardo-Expert:innen, unter anderem von der National Gallery, zurate, die schließlich zustimmen. Die Sensation ist perfekt!

Indizien dafür, dass es sich um ein Original von da Vinci handelt, sind demnach unter anderem:

  • Skizzen da Vincis: etwa zum Faltenwurf eines Gewandes
  • Pentimenti: So heißen in Fachkreisen Korrekturen, die der Originalkünstler selbst vorgenommen hat. Im Fall des „Salvator Mundi“ zeigte sich zum Beispiel am Daumen der segnenden Hand ein Schatten. Demnach war der Künstler mit dem ersten Entwurf nicht zufrieden und übermalte ihn
  • Die Oberlippe des Heilands: Sie erinnert Fürsprecher:innen eindeutig an das Lächeln der „Mona Lisa“. Mit dem „Salvator Mundi“ habe Leonardo den männlichen, kosmischen Gegenpart zur irdischen „Mona Lisa“ geschaffen
  • Stilistische Feinheiten: Etwa die für Leonardo typische exakte Zeichnung der Hände und der Ringellocken oder die überaus genaue Wiedergabe der Glaskugel in der linken Hand. Deren Erscheinungsbild stimmt einer Studie zufolge exakt mit den optischen Eigenschaften einer hohlen Glaskugel mit 1,3 Millimeter Wandstärke überein
  • Zahlreiche Kopien: Mehr als 20 existierende Kopien des Werks sowie ein um 1650 entstandener Stich. Ihre Qualität kommt jedoch nicht an das Original heran
  • Die Aura des Bildes: Experten:innen schreiben dem „Salvator Mundi“ eine besondere Ausstrahlung zu, wie sie Leonardos Werken zu eigen ist

Leonardo da Vinci: Das Universalgenie aus der Toskana

Der 1452 geborene Leonardo da Vinci gilt als berühmtester Universalgelehrter der Renaissance, von unfassbarem Wissens- und Schaffensdrang getrieben und seiner Zeit im Denken weit voraus. Der Namenszusatz „da Vinci“ verweist auf seine Herkunft „aus Vinci“ in der Toskana, westlich von Florenz. Er widmete sich unter anderem der Malerei, Bildhauerei, Architektur, Anatomie, Ingenieurskunst, Mathematik, Geografie, Biologie und der Naturphilosophie.

 

Da Vinci schuf mit der „Mona Lisa“ nicht nur das berühmteste Gemälde der Welt, er hinterließ auch mehr als 6.000 Blätter Notizen und Skizzen, darunter unglaublich detailreiche anatomische und naturwissenschaftliche Illustrationen sowie Entwürfe für Gebäude, Maschinen und Kunstwerke.

 

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Menschenmenge im Auktionshaus Christie’s während der Versteigerung von Leonardo da Vincis Gemälde Salvator Mundi
Als bisher teuerstes Kunstwerk schreibt der „Salvator Mundi“ 2017 bei Christie’s in New York Auktionsgeschichte. © Eduardo Munoz Alvarez/Getty Images

Von der Sensation zum teuersten Gemälde der Welt

Der Weltöffentlichkeit präsentiert wird das Werk schließlich 2011 bei einer Leonardo-Ausstellung in der National Gallery, als neu entdeckter Da Vinci. Eine Sensation! Dank der Schau erzielt das Gemälde in rascher Folge immer höhere Preise auf dem Kunstmarkt:

  • Im März 2013 zahlt ein Schweizer Kunsthändler Sotheby’s etwa 80 Millionen Dollar
  • Noch im selben Jahr kauft es ein russischer Oligarch für 127,5 Millionen Dollar
  • Im November 2017 kommt es schließlich zu der spektakulären Auktion, bei der ein geheimer Käufer aus dem arabischen Raum die „männliche Mona Lisa“ für 450 Millionen Dollar am Telefon ersteht. Verschiedenen Quellen zufolge soll es sich um den saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salam handeln, der den Kauf aber offiziell dementiert. Ausgestellt werden soll der Da Vinci fortan im Louvre Abu Dhabi.

Zweifel an der Urheberschaft

Doch handelt es sich beim teuersten Gemälde der Welt tatsächlich um einen echten Da Vinci? Mit der Ausstellung in der National Gallery scheint der „Salvator Mundi“ als Original des Universalgenies legitimiert. Allerdings sind die Meinungen in Fachkreisen geteilt. Seit der Präsentation in der Öffentlichkeit melden Experten:innen immer wieder erhebliche Zweifel an der Urheberschaft da Vincis an. Ihre Argumente sind unter anderem:

  • Bei der Restauration wurde das Bild derart umfassend bearbeitet, dass die ursprüngliche Qualität nicht mehr erkennbar ist
  • Die Pentimenti sind lediglich der Beleg dafür, dass es sich um ein Original handelt, nicht aber, dass Leonardo der Urheber ist
Rückansicht einer Person, die mit seinem Smartphone ein Gemälde von Leonardo da Vinci an einer Wand im Museum fotografiert
Ersatzmann im Louvre: In der großen Leonardo-Retrospektive 2018 in Paris wurde die sogenannte Ganay-Version des „Salvator Mundi“, eine Kopie aus da Vincis Studio, ausgestellt. © Chesnot/Getty Images

Da Vinci oder nicht da Vinci? Das bleibt hier die Frage

Sicher ist, dass das teuerste Gemälde der Welt seit seinem Verkauf in der Öffentlichkeit bisher nicht noch einmal gezeigt worden ist. Eine für September 2018 geplante Ausstellung im Louvre Abu Dhabi sagten die Veranstalter kurzfristig ab. Auch bei einer Leonardo-Schau im Pariser Louvre war das teuerste Bild der Welt nicht unter den Exponaten.

Fachleute des Louvre hatten mithilfe weiterer internationaler Experten eine Untersuchung vorgenommen, deren Ergebnis allerdings der Öffentlichkeit vorenthalten bleibt, da es sich um ein Gemälde in Privatbesitz handelt. Nun gibt Kunsthistoriker und da-Vinci-Experte Martin Kemp Anlass zur Hoffnung: Im Oktober 2022 äußerte er der britischen Times gegenüber, das Gemälde sei in Saudi-Arabien, wo eine Galerie entstehe, die 2024 fertig werden soll. Vielleicht lüftet sich dann ja endlich das große Kunstgeheimnis.

FAQ: Häufige Fragen und Antworten

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